Vertrag verletzt: So reagieren Firmen in Deutschland richtig

Aktualisiert Jan 15, 2026

Wenn ein Lieferant nicht liefert, die Software fehlerhaft ist oder ein Berater seine Pflichten vernachlässigt, geraten betriebliche Abläufe ins Stocken. In der deutschen Rechtsordnung hängen Ihre Erfolgsaussichten maßgeblich davon ab, wie präzise Sie die Vertragsverletzung dokumentieren und welche formalen Schritte Sie einleiten.

- Rechtssichere Dokumentation: Sichern Sie sofort alle Beweise (Lieferscheine, E-Mails, Protokolle), um die Verletzung nachzuweisen.
- Fristsetzung als Basis: Ohne eine angemessene Nachfrist verlieren Sie in Deutschland oft Ihre Ansprüche auf Rücktritt oder Schadensersatz. 
Rügepflicht im B2B: Unter Kaufleuten müssen Mängel unverzüglich angezeigt werden (§ 377 HGB), sonst gilt die Ware als genehmigt.
- Abgestufte Rechtsfolgen: Prüfen Sie genau, ob Nacherfüllung, Minderung, Rücktritt oder Schadensersatz für Ihr Unternehmen wirtschaftlich am sinnvollsten ist. 
Alternative Streitbeilegung: Mediation oder Schiedsverfahren können Zeit und die Geschäftsbeziehung retten.

Wie sichern Unternehmen Beweise bei einer Vertragsverletzung?

Infografik zum rechtssicheren Ablauf bei einer Vertragsverletzung im deutschen Recht.
Infografik zum rechtssicheren Ablauf bei einer Vertragsverletzung im deutschen Recht.

Unternehmen müssen im Streitfall beweisen, dass eine vertragliche Pflicht verletzt wurde und daraus ein konkreter Schaden entstanden ist. Dokumentieren Sie jede Abweichung sofort schriftlich durch Lieferscheine, Fotos, Fehlermeldungen und E-Mail-Korrespondenz. Erstellen Sie zudem Gedächtnisprotokolle von Telefonaten und sichern Sie die Kommunikation mit dem Geschäftspartner lückenlos.

Die Beweissicherung ist das Fundament jeder juristischen Auseinandersetzung in Deutschland. Im Zivilprozess gilt der Beibringungsgrundsatz: Das Gericht prüft nur, was die Parteien aktiv vortragen und beweisen können.

Checkliste zur Beweissicherung:

  • Vertragsunterlagen: Halten Sie den ursprünglichen Vertrag, die AGB und alle Nachträge bereit.
  • Mängelprotokoll: Erstellen Sie eine detaillierte Beschreibung des Fehlers oder der Verzögerung (Datum, Uhrzeit, Art der Störung).
  • Zeugen: Notieren Sie Namen von Mitarbeitern oder Dritten, die die Vertragsverletzung wahrgenommen haben.
  • Korrespondenz: Speichern Sie alle E-Mails und archivieren Sie Briefe (idealerweise per Einschreiben versandt).
  • Schadensnachweis: Dokumentieren Sie Folgekosten, wie etwa Mehrkosten durch einen Ersatzkauf oder entgangene Gewinne durch Produktionsstillstand.

Folgefrage: Welche Rolle spielen digitale Beweise wie Screenshots oder Chat-Protokolle vor deutschen Gerichten?

Welche rechtlichen Ansprüche bestehen bei einem Vertragsbruch?

Je nach Art der Störung können Sie Nacherfüllung verlangen, den Preis mindern, vom Vertrag zurücktreten oder Schadensersatz fordern. Das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) sieht hierfür ein abgestuftes System von Rechten vor, wobei der Vorrang der Nacherfüllung (Reparatur oder Ersatzlieferung) meist die erste Stufe bildet.

In der Praxis unterscheiden Juristen zwischen verschiedenen Arten der Leistungsstörung:

  1. Verzug: Der Partner leistet zu spät. Hier können Sie den Verspätungsschaden geltend machen.
  2. Schlechtleistung: Der Partner leistet, aber die Qualität ist mangelhaft (z.B. defekte Maschine).
  3. Unmöglichkeit: Die Leistung kann gar nicht mehr erbracht werden (z.B. Vernichtung eines Unikats).

Die wichtigsten Ansprüche im Überblick:

Anspruch Voraussetzung Ziel
Nacherfüllung Mangelhafte Leistung Reparatur oder Neulieferung (§ 439 BGB)
Rücktritt Erfolglose Fristsetzung Rückabwicklung des Vertrages (Geld zurück)
Minderung Mangel vorhanden Herabsetzung des Kaufpreises
Schadensersatz Verschulden des Partners Ausgleich des finanziellen Nachteils (§ 280 ff. BGB)

Folgefrage: Kann ich Schadensersatz auch ohne vorherige Fristsetzung verlangen?

Welche Fristen und Formen müssen bei einer Abmahnung beachtet werden?

In der Regel müssen Sie dem Partner eine angemessene Frist zur Nacherfüllung setzen, bevor Sie weitreichende Rechte wie Rücktritt oder Schadensersatz statt der Leistung geltend machen können. Diese Aufforderung sollte aus Beweisgründen schriftlich erfolgen und den Mangel sowie ein konkretes Enddatum klar benennen.

Eine "angemessene" Frist hängt vom Einzelfall ab. Bei einer einfachen Warenlieferung können 1-2 Wochen genügen, bei komplexen IT-Projekten sind oft mehrere Wochen notwendig. Wichtig ist, dass die Frist dem Partner eine reale Chance zur Korrektur gibt.

Besonderheiten im B2B-Bereich (HGB): Nach § 377 des Handelsgesetzbuchs (HGB) müssen Kaufleute die Ware unverzüglich nach der Ablieferung untersuchen und erkennbare Mängel sofort rügen. Versäumen Sie diese "Rügeobliegenheit", verliert Ihr Unternehmen alle Gewährleistungsansprüche - selbst wenn die Ware objektiv mangelhaft ist.

Anforderungen an das Mahnschreiben:

  • Eindeutigkeit: Verlangen Sie klar die Erfüllung der vertraglichen Pflicht.
  • Zeitraum: Geben Sie ein kalendermäßig bestimmbares Datum an (z.B. "bis zum 25.10.2023").
  • Warnfunktion: Kündigen Sie an, dass Sie nach Ablauf der Frist weitere rechtliche Schritte einleiten oder die Annahme ablehnen werden.

Folgefrage: Was passiert, wenn die gesetzte Frist zu kurz bemessen war?

Wann ist eine Mediation oder ein Schiedsverfahren sinnvoller als eine Klage?

Vergleich von Gerichtsverfahren, Mediation und Schiedsverfahren für Unternehmen.
Vergleich von Gerichtsverfahren, Mediation und Schiedsverfahren für Unternehmen.

Eine Mediation empfiehlt sich, wenn die Geschäftsbeziehung langfristig erhalten bleiben soll oder eine besonders schnelle und vertrauliche Lösung gesucht wird. Gerichtsverfahren in Deutschland sind öffentlich und können über mehrere Instanzen Jahre dauern, was oft zum endgültigen Bruch zwischen den Geschäftspartnern führt.

In B2B-Verträgen finden sich häufig Schiedsklauseln. Ein Schiedsgericht (z.B. nach den Regeln der DIS - Deutsche Institution für Schiedsgerichtsbarkeit) entscheidet dann anstelle eines staatlichen Gerichts.

Vergleich der Verfahrenswege:

  • Staatliches Gericht: Kostengünstiger bei kleinen Streitwerten, aber öffentlich und oft langwierig. Vollstreckbare Titel sind der Standard.
  • Mediation: Freiwillig, vertraulich und lösungsorientiert. Ein Mediator entscheidet nicht, sondern hilft den Parteien, selbst eine Einigung zu finden. Ideal für strategische Partnerschaften.
  • Schiedsverfahren: Teurer, aber hochspezialisiert. Die Richter sind oft Experten für die jeweilige Branche. Das Urteil ist endgültig und weltweit oft leichter vollstreckbar als staatliche Urteile.

Folgefrage: Welche Kosten entstehen bei einem Mediationsverfahren im Vergleich zum Gerichtsstreit?

Wann ist die Einschaltung eines Anwalts für Handels- und Vertragsrecht ratsam?

Ziehen Sie spätestens dann einen spezialisierten Anwalt hinzu, wenn hohe Schadensersatzsummen im Raum stehen, die Gegenseite die Erfüllung endgültig verweigert oder die Rechtslage durch komplexe AGB unklar ist. Ein Anwalt sichert die Beweisverwertung und verhindert formale Fehler bei der Fristsetzung, die später den Prozessverlust bedeuten könnten.

Besonders im gewerblichen Rechtsschutz und im internationalen Handelsrecht sind die Fallstricke zahlreich. Ein spezialisierter Anwalt kann oft schon durch ein fundiertes außergerichtliches Schreiben eine Lösung herbeiführen, da die Gegenseite das Prozessrisiko erkennt.

Wichtige Indikatoren für anwaltliche Hilfe:

  • Der Gegner reagiert nicht auf Mahnungen.
  • Es geht um Schadensersatz für entgangenen Gewinn.
  • Der Vertrag unterliegt ausländischem Recht oder UN-Kaufrecht (CISG).
  • Ein gerichtliches Mahnverfahren soll eingeleitet werden.

Kostenhinweis: Die Anwaltskosten richten sich in Deutschland nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG), basierend auf dem Streitwert. Im Falle eines Sieges vor Gericht muss die Gegenseite diese Kosten in der Regel erstatten.

Folgefrage: Wie berechnet sich der Streitwert bei einer vertraglichen Pflichtverletzung?

Häufige Irrtümer bei Vertragsverletzungen

Mythos 1: "Ein mündlicher Vertrag ist nichts wert." Falsch. In Deutschland sind die meisten Verträge auch mündlich oder durch schlüssiges Handeln gültig. Das Problem ist lediglich die Beweisbarkeit im Streitfall. Schriftform ist nur in wenigen Fällen (z.B. Grundstückskauf, Kredit) gesetzlich zwingend.

Mythos 2: "Ich kann bei jedem Fehler sofort vom Vertrag zurücktreten." Falsch. Das deutsche Recht schützt den Vertragserhalt. Der Partner hat grundsätzlich ein "Recht zur zweiten Andienung" (Nacherfüllung). Erst wenn diese fehlschlägt oder die Frist fruchtlos verstreicht, ist ein Rücktritt möglich.

Mythos 3: "E-Mails sind vor Gericht keine Beweise." Falsch. E-Mails gelten im Zivilprozess als Urkunden oder Gegenstände des Augenscheins und werden regelmäßig als Beweismittel zugelassen, sofern ihre Echtheit nicht substantiiert bestritten wird.

FAQ - Häufig gestellte Fragen

Wie lange habe ich Zeit, einen Vertragsbruch zu reklamieren?

Im B2B-Bereich müssen Mängel unverzüglich (meist innerhalb weniger Tage) gerügt werden. Die allgemeine Verjährungsfrist für Ansprüche aus Verträgen beträgt in Deutschland drei Jahre zum Jahresende, beginnend mit der Kenntnis vom Anspruch.

Was kostet eine Klage vor einem deutschen Landgericht?

Die Kosten setzen sich aus Gerichtskosten und Anwaltsgebühren zusammen. Bei einem Streitwert von 50.000 € beläuft sich das Kostenrisiko für die erste Instanz (eigene Kosten plus Kosten der Gegenseite bei Verlust) auf etwa 8.000 bis 10.000 €.

Kann ich Zahlungen einfach einbehalten, wenn der Partner nicht liefert?

Ja, unter bestimmten Voraussetzungen können Sie die Einrede des nicht erfüllten Vertrages (§ 320 BGB) erheben und Ihre eigene Leistung (Zahlung) zurückhalten, bis der Partner seine Pflicht erfüllt. Dies sollte jedoch rechtlich geprüft werden, um nicht selbst in Verzug zu geraten.

Was ist der Unterschied zwischen Gewährleistung und Garantie?

Gewährleistung ist die gesetzliche Verpflichtung des Verkäufers für Mängel einzustehen, die zum Zeitpunkt der Übergabe bestanden. Garantie ist eine freiwillige, meist zeitlich befristete Zusage des Herstellers oder Verkäufers über die Funktionsfähigkeit.

Wann Sie einen Anwalt beauftragen sollten

Eine professionelle Rechtsberatung ist unerlässlich, wenn:

  1. Die Gegenseite die Mängel bestreitet oder die Zahlung verweigert.
  2. Ein hoher finanzieller Schaden droht oder bereits entstanden ist.
  3. Komplexe vertragliche Konstruktionen (z.B. Werkverträge im Anlagenbau) betroffen sind.
  4. Eine Fristsetzung rechtssicher formuliert werden muss, um den Rücktritt vorzubereiten.

Nächste Schritte:

  • Sichten Sie alle Vertragsunterlagen und die bisherige Kommunikation.
  • Erstellen Sie eine Chronologie der Ereignisse.
  • Setzen Sie eine schriftliche Frist zur Nacherfüllung per Einschreiben.
  • Kontaktieren Sie bei Ausbleiben einer Reaktion einen Experten für Handels- und Gesellschaftsrecht.

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