Kartellvorwürfe in Deutschland - Erste Schritte für Firmen

Aktualisiert Jan 14, 2026

Kartellvorwürfe in Deutschland: Erste Schritte für Unternehmen

Wenn ein deutsches Unternehmen mit Kartellvorwürfen konfrontiert wird, steht die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel. Die ersten Stunden und Tage nach dem Bekanntwerden einer Untersuchung durch das Bundeskartellamt oder die Europäische Kommission entscheiden oft darüber, ob das Verfahren mit einer milden Sanktion oder mit Bußgeldern in Millionenhöhe endet. In Deutschland unterliegt das Kartellrecht dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), das den Behörden weitreichende Befugnisse einräumt.

Woran erkennen Sie, dass Ihr Unternehmen in ein Kartellverfahren geraten ist?

Ein Kartellverfahren beginnt in Deutschland meist durch eine unangekündigte Durchsuchung (Dawn Raid) oder ein förmliches Auskunftsverlangen des Bundeskartellamtes. Während eine Durchsuchung das unmittelbarste Zeichen ist, deutet auch die Befragung von Wettbewerbern oder Kunden durch die Behörde darauf hin, dass Ihr Unternehmen im Visier steht.

In der Praxis manifestiert sich ein Verfahren meist auf einem der folgenden drei Wege:

  1. Die unangekündigte Durchsuchung (Dawn Raid): Beamte des Bundeskartellamts erscheinen morgens mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss an Ihren Geschäftsräumen und ggf. sogar an Privatwohnungen von Führungskräften.
  2. Das Auskunftsverlangen: Sie erhalten ein offizielles Schreiben gemäß § 59 GWB, in dem die Behörde detaillierte Informationen über Marktanteile, Preisgestaltungen oder Kontakte zu Wettbewerbern einfordert.
  3. Die Anhörung: Das Bundeskartellamt verschickt eine Mitteilung über die Einleitung eines Ordnungswidrigkeitenverfahrens und gibt Ihnen die Gelegenheit zur Stellungnahme.

Folgefrage: Welche Befugnisse haben die Beamten bei einer Durchsuchung in Deutschland konkret?

Was sind die wichtigsten Do's und Don'ts in den ersten 48 Stunden?

In den ersten 48 Stunden nach Kontakt durch die Behörde müssen Sie die Rechte Ihres Unternehmens wahren, ohne die Ermittlungen rechtswidrig zu behindern. Das Hauptziel ist die Deeskalation und die Sicherstellung, dass keine unbedachten Aussagen getroffen werden, die später gegen das Unternehmen verwendet werden können.

Verhaltensregeln für die Geschäftsführung und Mitarbeiter

  • Prüfung des Durchsuchungsbeschlusses: Lassen Sie sich den Beschluss zeigen und prüfen Sie, welche Räumlichkeiten und Vorwürfe genau abgedeckt sind.
  • Anwalt rufen: Telefonieren Sie sofort mit einem Kartellrechtsanwalt. Die Beamten warten in der Regel eine angemessene Zeit (meist bis zu einer Stunde), bis der Rechtsbeistand eintrifft.
  • Keine informellen Gespräche: Weisen Sie Mitarbeiter an, keinen "Smalltalk" mit den Beamten zu führen. Nur Angaben zur Person und zur Funktion im Unternehmen sind verpflichtend.
  • Schweigerecht nutzen: Das Unternehmen und die beschuldigten Personen haben ein Selbstbelastungsfreiheit (Nemo-tenetur-Prinzip). Machen Sie von Ihrem Schweigerahmen Gebrauch, bis die Strategie mit dem Anwalt steht.

Kritische Fehler, die Sie vermeiden müssen

  1. Vernichtung von Beweismitteln: Das Löschen von E-Mails oder Schreddern von Unterlagen wird als Verdunkelung gewertet und kann zu einer erheblichen Erhöhung des Bußgelds führen.
  2. Widerstand gegen Beamte: Körperlicher Widerstand oder die Verweigerung des Zutritts zu rechtmäßig beschriebenen Räumen führt zur Hinzuziehung der Polizei.
  3. Kommunikation mit Kartellbrüdern: Kontaktieren Sie keinesfalls andere beteiligte Unternehmen, um sich abzusprechen. Dies wird als Fortführung des Kartells gewertet.

Folgefrage: Wie bereite ich mein Empfangspersonal auf einen möglichen Dawn Raid vor?

Wie gehen Sie mit internen E-Mails, Dokumenten und dem Kronzeugenrisiko um?

Der Umgang mit Beweismitteln erfordert ein strategisches Gleichgewicht zwischen der gesetzlichen Kooperationspflicht und dem Schutz der Verteidigungsrechte. Deutschland bietet über die "Bonusregelung" (Leniency Program) massive Anreize für Unternehmen, die als Erste Beweise für ein Kartell liefern.

Die Bedeutung des Kronzeugenantrags (Leniency)

In Deutschland kann das Bundeskartellamt einem Unternehmen das Bußgeld vollständig erlassen, wenn es als erstes entscheidende Beweise vorlegt.

  • Race to the Top: Es zählt nur der erste Antragsteller für eine 100%ige Immunität. Nachfolgende Unternehmen erhalten nur noch Rabatte (bis zu 50%).
  • Interne Untersuchung: Ihr Anwalt muss diskret prüfen, ob die Vorwürfe berechtigt sind, um die Erfolgsaussichten eines Kronzeugenantrags zu bewerten.

IT-Forensik und Dokumentenschutz

Das Bundeskartellamt hat das Recht, Spiegelbilder von Servern und Festplatten zu erstellen.

  • IT-Sperre: Verhängen Sie sofort einen "Legal Hold", damit keine automatischen Löschroutinen (z.B. bei E-Mails) greifen.
  • Privilegierte Kommunikation: Unterlagen, die für die Kommunikation mit Ihrem externen Anwalt erstellt wurden (Legal Privilege), unterliegen in Deutschland einem besonderen Schutz, sofern sie der Verteidigung dienen.

Folgefrage: Gilt das Anwaltsprivileg in Deutschland auch für Inhouse-Juristen?

Wann ist die Einschaltung eines spezialisierten Kartellrechtsanwalts zwingend?

Sie sollten einen spezialisierten Kartellrechtsanwalt einschalten, sobald der erste Verdacht einer Untersuchung besteht oder spätestens, wenn Beamte vor der Tür stehen. Das deutsche Kartellrecht ist hochgradig komplex und Fehler in der Frühphase lassen sich später prozessual kaum noch korrigieren.

Ein spezialisierter Anwalt ist notwendig, weil:

  • Strategische Weichenstellung: Nur ein Experte kann entscheiden, ob ein Kronzeugenantrag sinnvoll ist oder ob eine "harte Verteidigung" gegen die Vorwürfe zum Ziel führt.
  • Verhandlungsführung: Die Kommunikation mit den Wettbewerbsbehörden folgt eigenen Regeln. Ein erfahrener Anwalt weiß, wie man einen "Settlement" (Vergleich) aushandelt, um das Verfahren abzukürzen.
  • Schutz vor Privathaftung: Kartellgeldbußen können bis zu 10 % des weltweiten Vorjahresumsatzes betragen. Zudem droht der Geschäftsführung eine persönliche Haftung und sogar strafrechtliche Konsequenzen (bei Submissionsabsprachen).

Folgefrage: Welche Kosten kommen bei einer Kartellrechtsverteidigung in Deutschland auf das Unternehmen zu?

Wie bauen Sie langfristig ein effektives Kartell-Compliance-Programm auf?

Ein Compliance-Programm dient nicht nur der Prävention, sondern kann in Deutschland bei der Bußgeldzumessung strafmildernd berücksichtigt werden. Unternehmen, die nachweisen können, dass sie ernsthafte Anstrengungen zur Vermeidung von Verstößen unternommen haben, stehen vor Gericht und Behörden besser da.

Schritte zu einem rechtssicheren Compliance-System

  1. Risikoanalyse: Identifizieren Sie Abteilungen mit hohem Außenkontakt (Vertrieb, Einkauf, Verbandsarbeit).
  2. Guidelines: Erstellen Sie klare Verhaltensrichtlinien für Treffen mit Wettbewerbern ("Was darf besprochen werden?").
  3. Schulungen: Regelmäßige Trainings für Mitarbeiter sind essenziell, um das Bewusstsein für "rote Linien" zu schärfen.
  4. Whistleblowing-System: Richten Sie einen internen Meldeweg ein, damit Verstöße bekannt werden, bevor das Kartellamt davon erfährt.

Folgefrage: Wie reagiert man richtig, wenn ein Mitarbeiter einen Kartellverstoß meldet?

Häufige Irrtümer im deutschen Kartellrecht

Mythos 1: "Wir haben nichts unterschrieben, also gibt es kein Kartell." Falsch. Im deutschen Recht reicht eine "abgestimmte Verhaltensweise" aus. Ein bloßes Kopfnicken bei einem informellen Abendessen oder der Austausch strategischer Informationen über Preise genügen für eine Verurteilung.

Mythos 2: "Kleine Unternehmen werden vom Bundeskartellamt ignoriert." Falsch. Zwar konzentriert sich die Behörde oft auf große Fälle, aber auch regionale Mittelständler (z.B. im Baugewerbe oder bei Entsorgungsdiensten) werden regelmäßig mit hohen Bußgeldern belegt.

Mythos 3: "Wenn wir das Bußgeld zahlen, ist die Sache erledigt." Falsch. Die Bußgeldentscheidung hat Bindungswirkung für spätere Zivilprozesse. Geschädigte Kunden können auf Basis des Bescheids deutlich einfacher Schadenersatz einklagen (Private Enforcement), was oft teurer ist als das eigentliche Bußgeld.

FAQ - Häufige Fragen zum Kartellverfahren

Wie lange dauert ein Kartellverfahren in Deutschland?

Ein Verfahren vor dem Bundeskartellamt dauert im Durchschnitt zwei bis fünf Jahre. Wenn danach der Rechtsweg vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf oder dem Bundesgerichtshof beschritten wird, können insgesamt bis zu zehn Jahre vergehen.

Können auch einzelne Manager persönlich bestraft werden?

Ja. Gegen verantwortliche Personen können Geldbußen von bis zu einer Million Euro verhängt werden. Bei Absprachen im Rahmen von Ausschreibungen (Submissionsbetrug) drohen gemäß § 298 StGB sogar Freiheitsstrafen.

Was passiert, wenn wir Beweise versehentlich vernichtet haben?

"Versehentlich" ist eine schwierige Verteidigungslinie. Wenn das Bundeskartellamt eine vorsätzliche Beweisvereitelung nachweist, führt dies zu einer drastischen Erhöhung des Bußgeldes und kann als Behinderung der Ermittlungen gewertet werden.

Wann Sie einen Anwalt beauftragen sollten

Die Beauftragung eines spezialisierten Rechtsbeistands ist in Deutschland keine Option, sondern eine Notwendigkeit, sobald:

  • Eine Durchsuchung stattfindet oder angekündigt wird.
  • Ein Auskunftsverlangen des Bundeskartellamtes eingeht.
  • Interne Hinweise auf Preisabsprachen oder Gebietsaufteilungen vorliegen.
  • Kunden oder Wettbewerber mit Schadenersatzklagen wegen Kartellverstößen drohen.

Nächste Schritte

  1. Notfall-Liste erstellen: Hinterlegen Sie die Nummer eines Kartellrechtsanwalts am Empfang und bei der IT-Leitung.
  2. Interne Erstprüfung: Lassen Sie durch einen Anwalt klären, ob ein Kronzeugenantrag ("Leniency") für Ihr Unternehmen vorteilhaft ist.
  3. Beweissicherung: Stoppen Sie alle automatischen Löschvorgänge in der IT, um den Vorwurf der Beweisvereitelung zu vermeiden.
  4. Kommunikationsstopp: Untersagen Sie jegliche Kommunikation über das Verfahren gegenüber Dritten (außer dem Rechtsanwalt).

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